IM STENDALER RATHAUS

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Am 13. Mai 1231 hatten die Markgrafen Johann und Otto den Gewandschneidern von Stendal Innungsartikel nach dem Magdeburger Vorbild verliehen. Diese Gewandschneider waren nicht nur die Tuchgrosshändler, sondern sie hatten auch das Recht auf den "Ausschnitt", d. h. für den Einzelverkauf. Da der Profit grösser wird, wenn man die Ein- und Verkaufspreise in der Hand hat, und da man dieses Monopol gewinnbringender nutzen konnte, wenn man "unter sich" blieb, so war man darauf bedacht, den Kreis der Teilhaber möglichst klein zu halten. Deswegen sonderte man sich von den Tuchmachern ab und suchte, diese als unliebsame Konkurrenten unter allen Umständen auszuschalten. Sie gaben sich einen aristokratischen Anstrich und schlossen sich klassenmässig streng von den Handwerkern ab, von deren Produktion sie lebten. Nur aus ihren Reihen waren fast ausschliesslich die Ratsherren bestimmt worden. So wird es einerseits verständlich, dass sie die Alleinherrschaft im Rathaus anstrebten oder zu halten versuchten, dass sie sich aber andererseits auch vom allgemeinen Kaufhause abschlossen und sich, ihrer Würde und ihrem Vermögen entsprechend, ihr Gewandhaus bauten, dieses Gewandhaus womöglich grösser und vornehmer anlegten und ausstatteten, als es die übrigen Bürger vermochten.

Unter diesem Gesichtspunkt ist der sogenannte Ratskeller in Stendal zu betrachten. Er war die Gewandschneider-Gildehalle. Der eigentliche Ratskeller mit der Ratswaage befand sich bis 1859 auf dem heutigen Winckelmannplatz.

vergrössernSicherlich waren mit dem Kaufhaus und auch mit dem Gewandhaus von Anfang an Räume verbunden, die dem geselligen Verkehr und als Quartier für hochgestellte Persönlichkeiten zu dienen hatten. Im Jahre 1225 führte Graf Siegfried von Osterburg mit den Stendaler Domherren in Gegenwart zahlreicher vornehmer Geistlicher und Laien Verhandlungen im Kaufhaus zu Stendal. Es ist nicht anzunehmen, dass solche Besprechungen zwischen Kisten und Warenballen geführt wurden.
Das Gildezimmer, die sogenannte Grosse Stube, wird hierfür gedient haben. Der Ausbau und die holzgeschnitzte Wandverkleidung aus dem Jahre 1462, wovon wir heute noch einen guten Rest haben, stammt aus einer Zeit, als die Macht der Gewandschneider längst gebrochen war.

Wenn man bedenkt, dass derartige Rathaustäfelungen sehr selten sind, daß wir sie aus Goslar 1480, München 1481 und Überlingen 1491 nur noch kennen, so erhält die Stendaler mit dem Jahre 1462 als älteste vorhandene einen besonderen Rang. Für Stendal und darüber hinaus ist sie das wichtigste Exemplar der Holzschnitzkunst aus dem Anfang der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Bei Bekmann, Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg, werden 1753 acht Innungen und ihre Patrone genannt. Die Hauptseiten der Täfelung sind verloren, denn die wichtigsten Bilder waren für jene Zeit der Kaiser und die sieben Kurfürsten. HolzschnitzwandVon allen diesen ist in Stendal nur noch der Erzbischof von Köln sichtbar. Man erkennt diesen rechts neben der Tür sitzenden Mann, dessen hermelinverbrämte Kappe und das Scepter ihn als Kurfürsten kennzeichnen, an dem Wappenschild mit dem Balkenkreuz als von Köln.

Wenn man auch annehmen muß, daß hier im Ganzen eine an Möbeln und Geräten erprobte heimische Schreinerwerkstatt ihr Können zeigte und nicht die Qualität der Stendaler Gestühlswerkstatt erreichte, so bleibt der ganze Rest doch ein bemerkenswertes Zeugnis der mehr als handwerklichen Kunst dieser sonst dunklen Zeit.

Auszug aus dem Stadtführer „Stendal – Herz der Altmark“, 1965, Dr. Gerhard Richter herausgegeben vom Altmärkischen Museum Stendal

Stendaler Rathaus

 

 

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