Die Sage vom Fisch in der Marienkirche

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Am nördlichen Pfeiler in Höhe der Chorschranke hängt an einer eisernen Kette ein bemalter Fisch. Um ihn wob sich eine Sage, die immer wieder unbesehen abgedruckt und auch mündlich weitergegeben worden ist. Die so verbreitete Sage lautet im Standart-Text:

Wiederholt hat die Stadt Stendal von gewaltigen Überschwemmungen zu leiden gehabt. Eine furchtbare Wassernot kam über die Stadt, als im Jahre 1425 der Elbdeich bei Hämerten brach. Die Fluten ergossen sich bald über das flache Land und insonderheit über das viel tiefer als der Elblauf liegende Gebiet von Stendal, so dass dieses schnell einem See glich. Auch in die Kirchen und Kapellen drang das Wasser ein. Als nach dem Rückgang der Fluten das Stendaler Gebiet allmählich wieder trocken wurde, da gab es aus den Häusern, von den Straßen und Plätzen, auch aus den Kirchen gar manche Fuhre Schlamm und Sand wegzuräumen. Nach Erledigung dieser Räumungsarbeiten hielt man es für angebracht, die Gotteshäuser von neuem einzuweihen. Mit dem Dome wurde der Anfang gemacht, dann folgte die Marienkirche. Feierlich zogen der Probst, der Dekan und die Kapitulare durch die Hallen mit Kruzifix, Weihwasser und Wedeln, und „Fahre aus, du unsauberer Geist“, tönte es aus ihrem Munde. So kam man auch zu dem Eingange, der zum Hochaltar führt. Da, mit einem Male, hielt die Prozession mit Entsetzen inne. Was war das für ein Plätschern und Klatschen in unmittelbarer Nähe des Altares? „Allen guten Geister loben Gott, den Meister“, murmelten die Erschrockenen mit bebenden Lippen, denn weder Weihwasser noch Bannsprüche vermochten den plätschernden Unhold, allem Anschein nach der leibhaftige Teufel, zum Schweigen zu bringen. Endlich nahm sich der Sakristan ein Herz, ging hinzu - und entdeckte im Morast einen 16 Pfund schweren Hecht. Die wackeren sieben Schwaben hätten auch jetzt noch nicht den Mut gehabt, jenem Wasserbewohner zu Leibe zu gehen. Dagegen die Herren in Stendal machten kurzen Prozess und ließen sich sein Fleisch als leckere Fastenspeise gut schmecken.“
 

Soweit die bekannte Sage. Wie sieht aber der geschichtliche Hintergrund aus?

Erstens: Die Überschwemmung hat sich 1425 wirklich ereignet.
Zweitens: Die Marienkirche, in der sich die Begebenheit abgespielt haben soll, ist aber erst 1435 begonnen worden!
Drittens: Liegt das Gebiet der Stadt Stendal nicht tiefer als der Elblauf, sondern im Durchschnitt etwa drei Meter höher... Allerdings, besteht - auch heute noch – Überschwemmungsgefahr, falls der Deich zwischen Tangermünde und Hämerten bricht.
Viertens hat auch im Dom einst ein ähnlicher Fisch gehangen, wie das Altmärkische Intelligenz- und Leseblatt vom 17.IV.1895 mitteilt....
Geschichtliche Tatsache ist fernerhin – und das deutet der Schluss der Sage ja auch an -, dass seit christlicher Zeit Fisch als Fastenspeise gilt. Zu erwähnen wäre noch, dass die mächtige Hanse zu ihrer Zeit der „christlichen Seefahrt“ die Fastenspeise Fisch als einen bedeutenden Handelsartikel führte. Was lag da näher, als dass Hansestädte wie Stendal zum Zeichen, dass Fischtag war, einen Fisch per Nachbildung öffentlich aushingen?

Auszug aus dem Stadtführer „Stendal – Herz der Altmark“, 1965, Dr. Gerhard Richter herausgegeben vom Altmärkischen Museum Stendal

Fisch in der Marienkirche

 

 

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