Bindfeldscher Kaviar

 

 

Bindfelscher KaviarEin Original von Gastwirt, wie es wenige je gegeben hat, war der weit und breit bekannte Ludwig Schulz in dem kleinen Dorfe Bindfelde bei Stendal. Seine Späße waren manchmal derb, aber sie waren meist burschikos, und mancher Stendaler ging deshalb nur hin, aber keiner nahm sie ihm übel. So konnte es passieren, dass wenn ein Gast ein Korn forderte, er denselben zwar brachte, die Flasche aber mitbrachte, den ersten Korn halb austrank mit den Worten: „Na, Prost, upp die Hälfte!“ Er goss aber das Glas wieder voll, und der Gast trank als erster die Hälfte. Er trug fast immer eine blaue Brille, und kam ein unbekannter Gast, schob er sie hoch.

So kamen mehrere junge Husarenoffiziere beim Spazierritt nach Bindfelde, tranken Kaffee und fragten, ob Schulz eventuell ein paar Kaviarbrötchen zurecht machen könnte. Ludwig willigte ein und brachte nach kurzer Zeit mehrere halbe Semmeln tüchtig mit Pflaumenmus beschmiert. Großes Gelächter der Offiziere verbunden mit der Entrüstung: „Aber Herr Wirt, das ist doch Pflaumenmus!“ Der Wirt sagte: „Meine Herren, das kennen Sie wohl noch nicht, das ist richtiger Bindfeldscher Kaviar.“ Diesen Witz brachte damals das hiesige Intelligenzblatt, und die deutsche Chicagoer Zeitung hat dies in ihrer Zeitung nachgedruckt.

Schlechter sieht eine Sache mit dem damaligen Oberbürgermeister W. aus Stendal aus. Der Sohn des Oberbürgermeisters hatte sein Abitur bestanden, und nun fuhr er voll Freude mit Frau, Sohn und Tochter in einer Mietkutsche nach Bindfelde. Man trank Kaffee, aß schönen Kuchen, und nun wünschte der Herr Oberbürgermeister eine 10-Pfennig-Zigarre. PflaumenHerr Schulz führte aber immer nur die für 5 Pfennig. Er bringt eine solche und der Oberbürgermeister sagte: „Das ist doch keine 10-Pfennig-Zigarre“. Ludwig Schulz sagte: „Du Dämler, ick schmöck de doch ook, bring dien Zigarren di doch ännermool mett!“ Das kam beim Oberbürgermeister schlecht an. Nach gar nicht langer Zeit erhielt ein anderer Wirt im neuerbauten Gasthaus die Konzession.

Auszug aus Unsere Heimat, Stendal, 1960, Otto Meibau


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